Theater Basics: Wie macht man Theater?

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Ein Grundrezept

Wusstet ihr, dass das Wort Theater vom altgriechischen Wort θεᾶσθαι theasthai – anschauen kommt? Das Theater ist demnach zu allererst ein Ort, an dem man schaut. Eine Schaustätte. Und es ist ja auch noch immer so: Man kommt an einem Ort zusammen und sieht sich etwas an, was andere Menschen spielen. Aber das Wortverständnis beinhaltet genauso die Dinge, die man eben nicht sieht. Die Dinge sind nämlich im Theater so inszeniert, dass alles, was man wahrnimmt, genau geplant ist. Man sieht, wie eine Figur qualvoll zu Boden geht und aus dem Mund blutet. Man sieht aber nicht, wie sich der Schauspieler der Figur eine Szene vorher hinter der Bühne noch mit einer Kollegin unterhalten hat und sich dann die zurechtgelegte Blutkapsel in den Mund legt. Man sieht nicht die sechs Wochen Probenzeit, man sieht keine Probenpläne, Skriptblätter, Tränen, schlaflosen Nächte, keine Abrechnungslisten und keine Splitter im Finger, man sieht auch nicht die große Familienpizza, die zwei Nächte vor der Premiere für alle bestellt wurde und keine Energy Drink und Bierdosen.

Die Theateraufführung selbst ist nur die Spitze eines Eisbergs. Theater findet hauptsächlich unterhalb oder hinter dieser Oberfläche statt. Und da dieser Einblick für mich persönlich essentiell ist, um mich für Theater zu interessieren, versuche ich hiermit einen kleinen Crash Kurs zu geben für alle, die das aus reinem Interesse gerne wissen wollen, und auch für die, die überlegen, selbst etwas auf die Bühne zu bringen. Hier ist ein Theater-Grundrezept! Man nehme…

Vorbereitungszeit: 2 – 12 Monate // Zubereitungszeit: 6 – 8 Wochen Aufwand: pfiffig

Zutaten

  • Eine Theaterstückgrundlage: Texte, Filme, Musik, Dokumente. Was ist die Idee, das Konzept? Was ist der Inhalt? Worauf baut er auf? Womit wird geprobt?
  • Ausreichend Aufführungsrechte. Wenn nicht selbst ein Stück geschrieben wurde, oder der oder die Urheber_in INKLUSIVE (!) die Übersetzer_innen seit mind. 75 Jahren verstorben sind, muss man die Aufführungsrechte klären und erwerben. Dafür fragt man bei den Verlagen oder Organisationen wie der GEMA . Man zahlt dann sogenannte Tantiemen.
  • Mind. 2.000 €/CHF Budget. Unter 2.000 habe ich es nicht geschafft ein Theater zu produzieren. Es waren meistens eher 3.000 – 8.000€ ohne Gagen. Sehr wichtig ist es, einen Budgetplan zu erstellen! Den braucht man nicht nur für den eigenen Überblick, sondern auch, um Förderungen zu beantragen.
  • Ein Probenraum. In dem Fall gilt: Alles geht! Dachböden, Keller, Gemeinschaftsräume in Wohnblocks, Hörsäle, Ateliers, tagsüber ungenutzte Kinderhorte, das grad leerstehende WG Zimmer, Parks, aber natürlich auch richtig ausgestattete Probenräume der Theaterhäuser, der Theaterakademien oder zu mietende. Alles schon gehabt. Unter 20m² wird’s allerdings eng. Schaut euch nach Räumen zwischen 30 – 80m² um und seid kreativ und am besten anspruchslos.
  • Eine Bühne. Sollte man kein Engagement am Theater haben, muss man sich rechtzeitig um eine Aufführungsstätte bemühen. Das heißt oft ein Jahr im Voraus, weil auch kleine Spielstätten ihre Spielpläne früh zusammenstellen und es selten noch freie Wochen gibt, wenn man nur 2 Monate vorher anfragt. Aber manchmal geht es dennoch. Hier gilt es, sich hinter den Computer zu klemmen, zu recherchieren und unermüdlich anzufragen über E-Mail, Telefon oder Besuche. Die Miete für eine Woche Proben und drei Vorstellungen liegt meist zwischen 1.500 – 4.000€.
  • Ein Bühnenbild. Man muss sich noch vor Probenbeginn überlegen, wie die Bühne am Ende ungefähr aussehen soll, sonst wird es für alle Beteiligten schwer, sich das Endprodukt vorzustellen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Es helfen Skizzen oder Bühnenbildmodelle. Plant genügend Zeit und Geld ein, das Bühnenbild herzustellen und terminiert den Aufbau sinnvoll zu Beginn der Proben.
  • Kostüme und Requisiten. Die Grundideen hierzu gehören, ebenso wie das Bühnebild, zu Überlegungen, die am besten vor Probenbeginn stehen. Während der Probenphase werden diese Grundideen angepasst, manchmal sogar verworfen. Hier gilt Flexibilität. Wenn man durch das Proben merkt, dass in der Szene ein Stapel weißes Papier benötigt wird, ist es gut, ihn direkt in der nächsten Probe zu haben. Außerdem sind Probenkostüme, die den finalen Kostümen ähnlich sind von Vorteil, um mit ähnlichem Gefühl und in ähnlichen Bedingungen wie in den Vorstellungen später zu arbeiten. Denkt auch an die Maske, inklusive Föhns, Tücher, Schwämmchen, Pinsel und Haarspray.
  • Eine Kleintransporterladung Technik. Scheinwerfer, Stative, Kameras, Nebelmaschinen, PA, Mischpulte, Mikrofone, Kabel, Kabel, Kabel, Projektoren, Laptops etc. Solltet ihr keinen uneingeschränkten Zugang haben durch Theaterakademien oder die Theaterhäuser, gibt es in jeder Stadt Eventausstattungsunternehmen oder Theatervereine mit eigenem Technikfundus, aus dem man mieten kann. So wie in Zürich lichtmeister.ch oder in Wien das Studierenden Theater STUTHE.
  • PR, Fotos, Trailer und Drucksachen. Um Menschen in die Vorstellungen zu kriegen, muss man über all seine Schatten springen und einfach hart Werbung machen. Nutzt alle Kanäle, denkt euch witzige Werbekampagnen aus, dreht Trailer, habt ein cooles Design, schreibt alle Menschen persönlich an, egal ob Familie, Nachbarin oder der Typ von der WG Party vor 2 Jahren, und gebt alles! Selbst, wenn ihr in einem Theater mit fest eingerichteter PR Abteilung Theater macht, wenn ihr überzeugt von eurer Arbeit seid, lasst es alle wissen, sodass alle kommen.
  • Dinge, die unwichtig erscheinen, aber extrem wichtig sind. EINE KASSE MIT WECHSELGELD! (So oft schon vergessen und last minute besorgt), Mülltüten, Tape, Comfortfood (Snacks während der Proben, die Pizzabestellung bei den Endproben, Bier und Wein für nach den Proben), Toi Toi Toi Aufmerksamkeiten für das Team

Alles steht und fällt mit einem guten Zeitplan und einem guten Teamzusammenhalt. Es kann so viel unnötige Energie verloren gehen, wenn man keinen zeitlichen Überblick hat, oder man keinen Wert darauf legt, den Teamgeist zu pflegen.

Ein grober Zeitplan

Man sollte wissen, wann …

  • die Proben beginnen.
  • und wie ungefähr geprobt wird (eher nachmittags, sonntags, jeden Tag?).
  • die Teammitglieder ihre Sperrtermine haben, also wann sie proben und nicht proben können.
  • die Premiere ist und wann die weiteren Vorstellungen stattfinden.
  • der Trailer gedreht wird.
  • das Bühnenbild bespielbar ist.
  • man aus dem Probenraum auf die Bühne umzieht für die Endproben.
  • die TE (Technische Einrichtungen) stattfindet/n.
  • die erste Bühne- und Kostümprobe stattfindet.
  • die Fotoprobe stattfindet.
  • die HP 1 und 2 (Hauptprobe 1 und 2) stattfindet.
  • die GP (Generalprobe) stattfindet.

Das Team

  • Schauspiel
  • Regie
  • Ausstattung: Bühne und Kostüm
  • Dramaturgie
  • Technik
  • Assistenzen
  • Grafikdesign
  • DoP: Fotografie und Film
  • Produktionsleitung
  • ggf. Musikalische Leitung
  • Bühnenarbeiter_innen und Handwerker_innen

Wenn all das geplant und organisiert, konzipiert und beantragt, angefragt, vorbereitet und überarbeitet ist, dann kann man endlich die Proben beginnen lassen und damit all den Spaß! Negativer Stress kommt nur daher, wenn man überfordert ist. Wenn die Überforderung sich auf den administrativen Bereich der Produktion bezieht, lässt sich leicht Hilfe finden, wenn man die Probleme teilt, aufteilt, übergibt. Wenn es künstlerische Überforderungen sind, hilft es im Team drüber zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden. Make it work!

Welcome to the fun part

Für mich persönlich ist das Initiieren einer neuen Theaterproduktion Spaß und Leid zugleich. Es kann sehr mühsam sein, Gelder zu beantragen, Schauspieler_innen zu finden, die Zeit und Lust haben und sich mit Verträgen und Abrechnungen herumzuschlagen. Aber ich mach es auch gern, weil es einfach ein so tolles Gefühl ist, all die Zeit an einem so lebendigen Projekt gearbeitet zu haben, das wir dann bei der Premiere und in den Vorstellungen gemeinsam mit anderen Menschen teilen können. Vor allem, wenn die künstlerische Idee auf meinen Mist gewachsen ist und sie dann aus meinem Kopf in die Wirklichkeit geformt wurde.

Die Probenzeit ist die tollste Zeit des Theaters. Hier entstehen Momente, die so einzigartig nur den Menschen gehören, die mit dir in diesem Raum arbeiten. Es ist immer anders. Immer neu. Immer herausfordernd. Man sucht einen Flow. Das Gefühl, dass es richtig ist. Dass es so gehört und nicht anders. Manchmal findet man ihn leicht und man kommt in eine Probenarbeit jenseits von allem. Man macht fast in einer anderen Sphäre hypermeditativ gemeinsam Theater und irgendwann geht man aus dem Theater, um frische Luft zu schnappen, und es der Tag ist plötzlich um. Manchmal will man genau das so so gern und kommt einfach nicht dazu, weil es nicht klickt. Dann bricht man Proben ab. Man denkt ununterbrochen über das Problem nach. Man versucht sich abzulenken. Manchmal den Druck rauszulassen und zu weinen. Manchmal knallt es und man ist wütend auf alles, was sich um einen herum bewegt. Aber es geht immer weiter. Und solange es ein zusammenhaltendes Team gibt, gibt es immer mindestens eine Person, die nicht aufgibt und Energie in die noch so aussichtslose Situation bringt. Und plötzlich macht einer einen Witz und es klickt! Und alle sind müde aber glücklich nach der Probe. Es gibt dann gemeinsame 15 Stunden Tage. Es entstehen Freundschaften auch Feindschaften. Es entstehen Insider, die kein Mensch außerhalb dieser Produktion versteht. Irgendwelche Zitate aus dem Stück, die plötzlich in normale Konversationen eingebaut werden, oder Bewegungsabläufe, die jenseits der Bühne einfach absurd sind. All das ist so wertvoll! Nach dieser Zeit, gehen meist alle wieder ihrer Wege. Man erinnert sich gern an diese Produktion zurück. Man sieht sich Fotos an oder einen Videomitschnitt und man weiß, dass dieses Footage niemals das erzählen kann, was man mit diesen Menschen aber erlebt hat. It’s just in your heart. Und ja, möglicherweise romantisiere ich das Ganze jetzt ein bisschen. Aber so eine Theaterproduktion ist intensiv. Man lernt die Personen in nur 6 Wochen besser kennen, als wohl viele Büro Menschen ihre Büro Kolleg_innen in 2 Jahren. Und jede Produktion prägt einen. Egal, ob Hobby oder Profi Theatermensch. Bei jedem bleibt was aus der Zeit.

Theater ist ein ganz toller Mikrokosmos. Es werden Geschichten erzählt, Emotionen entfacht, Fragen gestellt, Bilder geformt und Verbindungen durch unsere Welt gezogen. Zwischen den Menschen im Saal, auf der Bühne, zu Menschen in der Vergangenheit, in der Zukunft, in fiktive Realitäten und reale Fiktionen. Alles ist verbunden. Und Theater kann es zeigen. Erlebbar machen.

Solltet ihr also das nächste Mal im Theater sein, schlage ich euch hiermit ein paar Gedankenspiele vor: Wenn ihr von einer Szene beeindruckt seid, fragt euch warum. Ist es die Energie? Das eindrucksvolle Bild? Der Text? Stellt euch vor, wie die Spielenden Stunden lang die Texte gelernt und geübt haben. Erkennt man Inszenierungshandgriffe, die nur in der gemeinsamen Probenarbeit zufällig entstanden sein können? Scheinen Requisiten schon mal in einem anderen Theaterstück gebraucht worden zu sein? Stellt euch vor, wie lange es dauert, das Bühnenbild aufzubauen. Stellt euch die Bühne ohne Bühnenbild vor und den Saal leer und hell. Stellt euch das Leben um, diese Aufführung herum vor. Was passiert, wenn alle aus dem Saal gegangen sind? Kostüme müssen gewaschen werden. Das Bühnenbild wieder auf Null gebracht. Einige treffen sich in der Theaterkantine noch auf ein Getränk. Stellt euch den Eisberg unterhalb der Aufführungsoberfläche vor. Es gibt viel zu entdecken.

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