Wenn der geworfene Stein mich selbst am Kopf trifft.

,

IMG_3882

Vielleicht hat man davon schon gehört: Auf der Bühne pflegt das Theater gern mit Idealen und Weisheiten um sich zu werfen, die hinter den Kulissen aber inkonsequenterweise ignoriert werden. Während sich Helden und Heldinnen auf der Bühne bemühen, Gerechtigkeiten herzustellen, ist man z.B. von Gleichberechtigung der Geschlechter im Theaterbetrieb noch recht weit entfernt. Betrachtet man solche Diskrepanzen von außen, lässt sich leicht mit dem Kopf schütteln. Ob denn diese Theaterschaffenden nicht sehen, dass sie selbst nichts von ihrer eigens inszenierten Moral zu lernen scheinen!

Nun, in meinem Fall bin ich bereits dabei selbst den Kopf über mich selbst zu schütteln. Die gewählte Weisheit, die ich in meiner aktuellen Theaterproduktion Kafkas Gruftwächter  auf der Bühne umher geworfen sehen will, ist die des Absurdismus. Sie sagt ziemlich knackig, dass alles absurd ist und nichts ergibt einen Sinn. Diese Erkenntnis reißt dem sich täglich abmühenden, scheiternden, wiederholenden, Regel befolgenden, Konventionen einhaltenden, pflichtbewussten, sinn-orientierten und sinn-generierenden Menschen jedoch den Boden unter den Füßen weg. Nach Albert Camus steht dieser Mensch nun vor der Entscheidung, entweder absolute Willkür walten zu lassen, sich das Leben zu nehmen oder bewusst eine Rolle im anthropozentrischen Narrativ zu spielen. Jeder Mensch hat natürlich die Hauptrolle.

Meine Rolle ist die To Do – Listen überschwemmte Regiestudentin, die ihr erstes Projekt in der freien Szene Zürichs realisieren will. Es ist nicht meine erste freie Produktion. Ich weiß, wie das läuft. Ich weiß, dass man am Anfang keine Ahnung hat, wie man es in der Zeit alles schaffen soll und zack ist Premiere und alles ging gut. Man begibt sich tatsächlich freiwillig in einen Zustand höchster Stresshormonausschüttung mit unruhigen Nächten, harter Selbstkritik und Vitamin D Mangel. Und warum? Weil ich mich in unserer durchsystematisierten Welt an eine Stelle vorgekämpft habe, an der ich jetzt behaupten kann, das sei meine Aufgabe.

Und während in meiner Inszenierung ein Gruftwächter jede Nacht mit Geistern ringt, eine Performerin unermüdlich Steine auf der Bühne hin und her räumt (weil ich ihr das gesagt habe, wie absurd) – während Sisyphos seinen Stein immer wieder den Berg hinauf rollt, werde ich immer wieder panisch Performer*innen suchen, abgeturnt Förderungen beantragen und gestresst feststellen, dass ich viel zu wenig Probenzeit habe. Theater machen in der freien Szene ist immer wieder eine Herausforderung. Aber ich bin glücklich, an ihr jedes Mal zu verzweifeln. Vermutlich eben weil es so absurd ist.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Further Projects